Vom Zurbrüggen-Parkplatz in die Grüne Hölle (Weser Kurier vom 05.04.2020)

Der Delmenhorster Christoph Meyer fährt hobbymäßig Autorennen. Für die Instandhaltung seines Honda CRX sorgt er großenteils selber. (Vanessa Erdmann)

Das ist doch mal ein Artikel, da lacht das Herz eines jeden Motorsportlers und Clubs, vielen Dank an den Weser Kurier

von Michael Kerzel 05.04.2020

Schon den kleinen Jungen Christoph Meyer faszinierten Autos. Mit zehn Jahren steuerte er Karts im Slalom, heute pilotiert er hobbymäßig seinen Honda über die Rennstrecke in Oschersleben oder den Nürburgring.

Viele Kinder spielen, sobald ihre Koordinationsfähigkeiten das zulassen, mit kleinen Autos, setzen sich wenig später auf Bobbycars und fahren durch die Wohnung oder über die Einfahrt. Bei dem einen oder anderen nimmt das Interesse an Fahrzeugen stetig zu. „Wenn ich groß bin, werde ich Rennfahrer“ – das nehmen sich seit Generationen schon die jüngsten Schüler vor.

Wenn es im Land berühmte Vertreter eines Sports gibt, erlebt diese Disziplin einen Boom, der mehr oder weniger lange anhält. Boris Becker und Steffi Graf beispielsweise lockten Kinder und Jugendliche auf den Tennisplatz und in die Vereine. Michael Schumacher übte ebenfalls einen gewaltigen Einfluss aus. Es ist jedoch ein deutlich komplizierterer Weg in das Cockpit eines Rennwagens als auf einen Tennisplatz. Christoph Meyer ist ihn dennoch gegangen.

Der gebürtige Delmenhorster lebt heute in Hatten und fährt hobbymäßig Rennen, zeigte seine Fahrkünste unter anderem auf der Rennstrecke in Oschersleben oder auf dem Nürburgring. „Ich hatte als Kind schon viel Interesse an Autos, meine Eltern erzählen, dass ich früh Automodelle an Scheinwerfern etc. auf der Straße erkannt habe“, erzählt der 33-Jährige. Motorsport spielte in der Familie Meyer jedoch keine große Rolle. „Meine Eltern hatten da keinen besonderen Bezug zu“, sagt Meyer. Doch dann eroberte ein Jahrhundertsportler aus Kerpen die Formel-1-Strecken dieser Welt – und zog auch Meyer in seinen Bann.

Über Schumi zum Kartfahren

Im Jahr 1994 holte Schumacher seinen ersten Weltmeistertitel, Meyer verfolgte das vor dem Fernseher. „Das Finalrennen 94 habe ich gesehen und die Saison 95 dann intensiv verfolgt. Und dann wollte ich auch selber fahren“, erinnert sich Meyer. Sein Vater schaute sich um und entdeckte, dass der Motor-Sport-Club in Delmenhorst einen Ortsverein hatte. „Der Ortsverein hat auf dem Parkplatz des Zurbrüggen-Geländes damals Slaloms für Karts angeboten. Unter anderem gab es das Angebot für Neulinge reinzuschnuppern. Mir hat das Spaß gemacht“, erzählt Meyer. Der Delmenhorster meldete sich im Verein an und hatte bald ein eigenes Kart. „Mein Vater hatte früher ein Motorrad und wollte eigentlich, da die Kinder groß genug waren, wieder eines haben. Ich war aber wohl nervig genug und er kaufte dann ein Kart statt eines Motorrads“, erzählt Meyer.

Mit diesem fuhr er nicht nur Slaloms, sondern wenig später auch Rundstreckenrennen. Unter anderem nahm er am Norddeutschen ADAC-Kartcup teil. „Das waren schon richtige Rennwochenenden: Freitag Anfahrt, Samstag freies Training und Zeittraining, Sonntag dann zwei Rennen“, berichtet der 33-Jährige. Neben dem Faktor Zeit spielte auch der Faktor Geld zunehmend eine Rolle. „Der Sport ist teuer und wenn man vorankommen will, muss man viel investieren. Ich habe mich dann entschieden, dass erst Schule und dann Ausbildung Vorrang haben, und stellte den Rennsport erst mal hintenan“, teilt der Delmenhorster mit.

Schrauben in der Garage

Ad acta gelegt war der Rennsport im Hause Meyer damit jedoch nicht. Noch während der Ausbildung kaufte Meyers Vater einen Honda CRX, Baujahr 91. „Das war ein Straßenwagen, den mein Vater und ich dann zum Rennwagen umgebaut haben“, berichtet der 33-Jährige. Weder er noch sein Vater hatte eine Ausbildung oder ausgeprägte KFZ-Kenntnisse zu diesem Zeitpunkt. „Mein Vater hat hobbymäßig an Autos geschraubt und sich viel selbst beigebracht. Wir haben uns auch viel angelesen und ausprobiert. Es war learning by doing“, berichtet Meyer. Er selber habe kein so großes Faible für das Schrauben, ihn fasziniere das Fahren. „Aber das Handwerkliche gehört dazu. Ich kann den Wagen auseinander- und wieder zusammenbauen. Aber es ist jetzt nicht so, dass ich einen Motor aufbauen kann“, erklärt Meyer.

Auf den ersten CRX folgte ein zweiter. „Den haben wir 2011 aus England geholt. Ebenfalls Baujahr 1991. Das Serienmodell dient als Basis für den Rennwagen. Der Wagen wird quasi entkernt und da dieses Modell serienmäßig beispielsweise weder Servolenkung noch Airbags hat, muss man weniger ausbauen. Wir haben ein Modell gesucht, wo man relativ wenig umbauen muss. Der Anschaffungspreis war zudem geringer als bei anderen Wagen“, erklärt Meyer.

Ein weiterer Grund für den CRX aus England ist die Besonderheit, dass dieser ein Rechtslenker ist. „Bei Rennen fährt man ja alleine. Und beim CRX ist es so, dass der Motor links und das Getriebe rechts sitzt. Sitzt der Fahrer rechts, ist das Gewicht besser ausbalanciert“, erklärt Meyer. In das leer geräumte Auto bauten die Meyers den Sicherheitsapparat ein, der für Rennwagen vorgeschrieben ist. „Man braucht bestimmte Papiere für Rennwagen. Der DMSB gibt die Lizenzen raus. Das Reglement gibt vor, was erlaubt ist und in welcher Klasse welcher Wagen starten darf“, erklärt der 33-Jährige. Vor jeder Rennveranstaltung gibt es eine technische Abnahme.

Rundrennen auf dem Nürburgring

Sein erstes größeres Rennen absolvierte Meyer 2010: Er fuhr die komplette Saison im sogenannten Bördesprint, die auf der berühmten Strecke in Oschersleben ausgetragen wurde. Meyer nahm mit seinem ersten CRX teil, der damals noch recht seriennah, sprich ähnlich dem Straßenwagen war. Er beendete die Saison auf Gesamtrang zwei. Es folgte jedoch eine weitere Pause, da sich Meyer entschloss, berufsbegleitend zu studieren. Die Zeit, parallel Motorsport zu betreiben, blieb nicht. Wieder rückte der Motorsport nach hinten in der Prioritätenliste. Doch wieder zog es Meyer wenige Jahre später zurück ins Cockpit. „2014 bin ich dann in dem zweiten CRX ins Renngeschehen eingestiegen. Einige Teile aus meinem ersten Rennwagen leben in diesem weiter, aber die meisten Teile sind andere“, berichtet Meyer.

2015 fuhr er wieder beim Bördesprint mit. „Das ist dann schon ein bisschen wie bei den Profis oder wie man das aus dem Fernsehen kennt: Es gibt ein Qualifying und es gibt einen Grand-Prix-Start, also die Wagen stehen zu Beginn versetzt auf der Start- und Zielgeraden“, erklärt Meyer. 2016 fuhr er auch bei der Rundstrecken Challenge Nürburgring (RCN) mit. Die Nordschleife führt durch die Eifelwälder und ist als „Grüne Hölle“ bekannt. „Die Strecke ist einzigartig und schon krass. Es gibt viele nicht einsehbare Kurven und extreme Höhenunterschiede. Die Bergauf- und Bergabpassagen fordern auch das Material enorm“, erzählt der Delmenhorster. Die Strecke sei insgesamt flüssig zu fahren und habe wenige technische Kurven, in denen die Geschwindigkeit deutlich reduziert werden müsste. Das GPS-Data-Logging, das Meyer in seinen Honda eingebaut hat, gibt die Höchstgeschwindigkeit mit 222 Stundenkilometern auf diesem Rundkurs an. „Der Nürburgring genießt Sonderstatus. Nachwuchsfahrer dürfen auf anderen Strecken auch schon teilnehmen, wenn sie noch nicht volljährig sind. Auf der Nordschleife ist das bei Rundstreckenrennen nicht erlaubt. Man braucht auch eine zusätzliche Lizenz zur normalen Rennlizenz, um hier fahren zu dürfen“, berichtet Meyer.

Besondere Momente

Bei den Nürburgring-Rennen feierte Meyer auch einige Erfolge: Im Mai 2019 gewann er seine Klasse (Gruppe H bis 1600 ccm), in der vier Teilnehmer starteten. Der 33-Jährige platzierte sich jedoch auch auf Gesamtrang 49 bei 171 Teilnehmern und ließ dabei diverse Konkurrenten mit deutlich leistungsstärkeren Fahrzeugen hinter sich. Mitentscheidend war hier die Taktik: Meyer wechselte früh auf Slicks, obwohl die Strecke noch abtrocknete, nachdem das Rennen im Regen gestartet war.

Neben den besonderen Rennen prägten sich dem Delmenhorster vor allem die Zweikämpfe auf der Piste ein. „Es passiert zwar nicht oft, aber es kommt schon zu Kontakt zwischen den Fahrzeugen. Die Zweikämpfe machen aber Spaß, normalerweise geht da nicht viel kaputt“, berichtet Meyer. Aber er sammelte auch negative Erfahrungen. So schossen ihn in einem Bördesprint 2015 gleich zwei Konkurrenten innerhalb eines Rennens ab. „Im Amateursport achtet man auf sein Auto und will das ja nicht kaputt fahren. Aber es ist Wettkampf“, sagt Meyer. Bei besagtem Rennen wollte ihn zunächst ein Kontrahent innen in einer Kurve überholen, aber dort war kein Platz. Beide Fahrzeuge landeten im Kiesbett, befreiten sich aber aus eigener Kraft. „Wenig später hat ein anderer Fahrer die Kontrolle verloren und ist mir in die Seite gekracht. Er hat sich entschuldigt, aber den Schaden hat man natürlich trotzdem“, berichtet Meyer. Bei Amateurrennen bleibt jeder auf dem eigenen Schaden sitzen. „Man unterschreibt vor den Rennen einen Haftungsverzicht. Jeder zahlt seinen Schaden selber, unabhängig von der Schuldfrage“, erklärt der Delmenhorster.

Bei einem anderen Rennen ging der Motor des Hondas auf einer Geraden hoch. „Es waren nur noch drei oder vier Runden zu fahren und ich habe einen Leistungsverlust gemerkt. Die Anzeigen zu Öl, Wasser und Benzin waren eigentlich alle okay. Eine halbe Runde später ist der Motor dann hochgegangen. Beobachter haben mir dann erzählt, dass der Wagen unten gebrannt hat, das habe ich gar nicht realisiert. Ich hatte da ein bisschen Glück, dass das Auto nicht ausgebrannt ist. Es war gefährlicher, als ich das eingeschätzt hatte“, berichtet Meyer.

Ausblick auf die kommenden Jahre

Sein Erfolg 2019 auf dem Nürburgring war das bis dato letzte Rennen des Delmenhorsters. Der Motor erreichte das Ende seiner Laufleistung. „Jetzt muss man schauen, wie es genau weitergeht. Ich habe schon vor weiterzumachen. Ich bin jetzt aber nicht mehr mit meinem Vater zusammen in einem Team und suche wen, der Lust darauf hat, bei mir mitzumachen“, blickt Meyer voraus. Der Neue könne sich als Schrauber oder als Fahrer verdingen. Wer generell Interesse hat, könne sich bei ihm melden, sagt Meyer. „Für Mehrstundenrennen braucht man beispielsweise zwei Fahrer. Ich bin da offen und bereit, das Auto zu teilen“, erzählt der 33-Jährige. Weitere Informationen gibt es auf seiner Homepage www.brausepaul-motorsport.de.

Für ihn selber ist der größte Reiz des Motorsports, das Beste aus einem Auto herauszuholen. „Es ist spannend, dass man immer wieder die gleichen Kurven fährt und das immer schneller hinbekommen will. Man tastet sich heran. Es gibt Draufgängertypen, die direkt Rekorde brechen wollen – aber das geht tendenziell schief“, meint Meyer.

Der Delmenhorster hofft, seinen Honda in diesem Jahr noch fahrbereit zu bekommen, aktuell steht er leicht derangiert in der Garage des Mitglieds des Motor-Sport-Clubs Oldenburg. „Zukünftig muss man schauen, ob es sich noch lohnt, in den Wagen zu investieren. Ich hänge natürlich an dem Fahrzeug und habe auch einige Ersatzteile gebunkert, aber ich kann mir auch vorstellen, ein anderes zu kaufen und dann damit weiterzufahren“, blickt Meyer voraus.

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