Viel mehr als ein Kick für den Augenblick (NWZ vom 16.03.2013)

Wie eine Fahrt mit WM-Pilot Christian Riedemann aus Oldenburg den Adrenalinpegel steigen lässt

Riedemann wurde 2012 mit Co-Pilotin Lara Vanneste Zweiter der Deutschen Rallye-Meisterschaft. Bei einem Testtag im Flugpark Ahlhorn bereitete sich das Team auf die neue WM-Saison vor.

Sebastian Friedhoff

Oldenburg/Ahlhorn Ein nebelverhangener Tag – eigentlich nichts Ungewöhnliches. Anders sieht das schon aus, wenn man sich mit dem Deutschen Rallye-Vizemeister Christian Riedemann zu einer Testfahrt auf dem Gelände des Flugparks Ahlhorn verabredet hat. Bevor es ernst wird, verfolge ich staunend und mit stetig stärker werdendem Kribbeln im Bauch die ersten Testrunden des Oldenburgers und seiner Kollegen aus dem Weser-Ems-Raum.

In ihren Autos fliegen sie förmlich über die regennasse Fahrbahn des Flughafengeländes, driften spektakulär im höchsten Tempo in die 90-Grad-Kurve vor der Service-Station, um das Gaspedal auf der Geraden sofort wieder voll durchzutreten und im Nebel zu verschwinden. Der Sound beim Hochschalten ist wuchtig. Es knallt förmlich. Man bekommt einen imposanten Eindruck von der Leistung der Rennwagen.

Lieber Rallye als Formel 1

Riedemann feilt im Rahmen des ADAC-Testtages in Ahlhorn an der Abstimmung seines 210 PS starken Citroën DS3 R3T für die am 11. April in Portugal startende neue Saison in der Rallye-Weltmeisterschaft (Klasse 3). Dem 25-Jährigen merkt man die Leidenschaft für seinen Sport sofort an, als der gebürtige Sulinger vor unserem „Ausflug“ von seinen Anfängen erzählt.

„Mein Vater war in den 80er Jahren selbst im Rallyesport aktiv und ist zudem stellvertretender Rennleiter der Rallye Sulinger Land in der 2. Bundesliga, so dass ich als Kind und Jugendlicher oft bei Rennen mit dabei war. Im Alter von etwa fünf Jahren habe ich mit dem Kartfahren angefangen, mit Acht an den ersten Wettbewerben teilgenommen“, schwärmt Riedemann.

Als 18-Jähriger fuhr er seine erste Rallye-Saison. Damals saß noch Vater Jürgen als Co-Pilot mit im Auto. „Ich habe viel gelernt in diesem Jahr, doch wie man sich vorstellen kann, ist so eine Vater-Sohn-Beziehung im Auto nicht immer einfach”, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Nach zahlreichen Erfolgen im Nachwuchsbereich auf nationaler und internationaler Bühne wurde Riedemann 2010 in die ADAC-Sportfördergruppe aufgenommen und zählt mittlerweile zu den besten deutschen Fahrern der jungen Garde. Unterstützt wird er seit der vergangenen Saison, seine erfolgreichste, von Citroën Deutschland. So wurde er Zweiter der Deutschen Rallye-Meisterschaft und holte in der Konkurrenz der Fahrzeuge mit Zweirad- bzw. Frontantrieb (2WD) sowie der Division 3 (Super-1600- und R3-Fahrzeuge) jeweils den Titel.

Riedemann hat noch viel vor im Motorsport, doch „die Formel 1 war nie mein Ziel – viel spannender, als immer im Kreis zu fahren, finde ich die immer neuen Herausforderungen im Rallyesport. Die unterschiedlichen Streckenprofile und Wertungsprüfungen bieten viel Abwechslung“, beschreibt der 25-Jährige, der in dieser WM-Saison eine Top-3-Platzierung erreichen möchte. „Langfristig möchte ich mich in der WM etablieren und auch mal in einer höheren Klasse fahren“, sagt er.

Neben Talent und Sponsoren seien vor allem „Konzen-trationsfähigkeit, Ruhe und Gefühl für das Auto wichtig“, um Erfolg zu haben. Drei bis viermal in der Woche feilt Riedemann an der Fitness, um den hohen Belastungen im Auto standzuhalten. „Da wir pro WM-Rennen eine Woche unterwegs sind, bleibt während der Saison wenig Zeit für Hobbys und Freunde“, sagt er nach bereits zweijähriger WM-Erfahrung.

Immer unterstützend an seiner Seite, sein Vater Jürgen, der sowohl als Teamchef als auch Chef-Mechaniker im siebenköpfigen Helfer-Team fungiert. Seit 2012 bildet der Sulinger, der mittlerweile in Oldenburg wohnt, mit der Belgierin Lara Vanneste (22) als Co-Pilotin ein erfolgreiches Gespann. Bei Geschwindigkeiten bis Tempo 210 km/h lotst sie ihn anhand des „Gebetbuchs“ (Aufschrieb der Streckencharakteristik) durch die komplexen Wertungsprüfungen auf Asphalt, Schotter, Wald- und Feldwegen.

Enorme Fliehkräfte

Den Platz der Belgierin auf dem Beifahrersitz soll ich nun also kurzzeitig einnehmen. Als ich mir die feuerfeste Schutzmaske und den weißen Helm aufsetze, mich in den ins Fahrzeug eingeschweißten Überrollkäfig hineinzwänge und den Dreipunkt-Gurt schließe, gehen mir Gedanken durch den Kopf, wie man sie vor einer Fahrt mit einer Hochgeschwindigkeitsachterbahn erlebt.

Vorfreude und ein Kribbeln im Bauch halten sich die Waage. Ans Aussteigen ist nun eh nicht mehr zu denken, so eingepfercht bin ich in den Schalensitz.

Ihm sei bisher noch nie etwas passiert, hatte mir Riedemann im Vorgespräch erzählt. Beruhigend. „Zwar habe ich 2007 schon einmal einen Überschlag erlebt, doch die Autos sind so sicher gebaut, die halten das aus. Verletzt habe ich mich da eher schon beim Fußballspielen in der Kreisliga“, erklärt der gelernte KFZ-Mechatroniker und Industriemechaniker.

Los geht’s: Die erste Runde auf dem verschachtelten Flugplatz-Rundkurs ist zum Aufwärmen. Mein Adrenalinpegel steigt, das Tempo auch. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von bis zu 190 km/h schießen wir schließlich über die Geraden. Ich bin fasziniert und angespannt zugleich, wie spät Riedemann vor den oft sehr scharfen Kurven bremst und durch die wir zumeist driften – ein irres Gefühl, aber absolut nichts für schwache Mägen.

Immer wieder reißt es meinen Kopf durch das ruckartige, stufenweise Bremsen und die schnellen Gegenlenkbewegungen nach hinten oder zur Seite. Wie ein Spielball fühle ich mich teilweise.

Die Fliehkräfte sind wirklich enorm, und die eingeschränkte Bewegungsfreiheit kommt mir jetzt zugute. Es ist beeindruckend, wie Riedemann bei diesem Tempo Schaltung (Wippe am Lenkrad), Handbremse und die Kontrolle seiner Telemetrie-Daten auf dem Monitor vor uns koordiniert, dabei das Auto trotzdem kontrolliert auf der rutschigen Strecke und zwischen den Pylonen hält.

Ausritt in die Wiese

Langsam gewöhne ich mich einigermaßen an das Fahrgefühl, als wir in einer scharfen Linkskurve plötzlich kurzzeitig den Grip verlieren, seitlich wegdriften und auf die Wiese rutschen. Doch ehe ich mich versehe, gibt Riedemann bereits wieder Gas und erklärt mir routiniert über das am Helm installierte Kommunikationssystem: „Bei diesem Wetter kommt das schon mal vor.“ Weiter geht die Achterbahnfahrt.

Nach etwa zehn Minuten ist alles vorbei. Als wir aus dem Auto steigen, geht es mir gut, ich stehe sicher auf den Beinen, wenn auch ziemlich durchgeschüttelt. Noch Tage später spüre ich beim Gedanken an diesen Geschwindigkeitsrausch ein besonderes Kribbeln im Bauch. Diese adrenalingeladene Testfahrt, die viel mehr war als nur ein Kick für den Augenblick, werde ich bestimmt nicht vergessen.

Ein Video zum Testtag unter  http://bit.ly/13wqsct